Hypertier
Hypertier ist eine konzeptuelle Fine-Art-Dokumentarserie, die die fragilen und paradoxen Formen des Zusammenlebens von Mensch und Tier in einem verstreuten Archipel voneinander abhängiger Umgebungen erforscht. Die Bilder führen durch naturhistorische Museen, Aquarien, Mülldeponien, Privathäuser und wissenschaftliche Einrichtungen in Europa und Afrika und bilden ein fragmentiertes Protokoll von Begegnungen, die von intim bis ausbeuterisch, von heilig bis absurd reichen.
Beeinflusst von Andrea Branzis „The Primitive Metropolis“ begreift die Arbeit die zeitgenössische Stadt als einen hybriden Raum, in dem Überreste der Natur durch Kontrollinfrastrukturen sickern. Tiere erscheinen nicht in unberührter Wildnis, sondern in beeinträchtigten, vom Menschen veränderten Kontexten: exotische Haustiere in sterilen Wohnungen, gefährdete Arten in wissenschaftlichen Anlagen oder präparierte Körper, die in Glasvitrinen gefangen sind. Dennoch beschwört diese Untersuchung auch historische Archetypen herauf – etwa die antike Beziehung zwischen Falkner und Habicht oder das hypnotische Wiegen des Schlangenbeschwörers. Es sind Symbole einer langen Geschichte menschlicher Kontrolle über die Tierwelt und der Gemeinschaft mit ihr, in der Kreaturen für Rituale und Spektakel verehrt, gefürchtet oder verwaltet werden.
In unserer heutigen Ära, die von der ökologischen Krise geprägt ist, operieren Fürsorge und Verehrung auf derselben Ebene wie Kontrolle und Extraktion. In diesen hyper-konstruierten Räumen werden Schutz und Gefangenschaft ununterscheidbar. Private Reservate und Safariparks sind zu umzäunten Festungen geworden, um Nashörner und Elefanten vor Wilderern zu schützen, die mit Hubschraubern einfallen. Auf riesigen Recycling-Deponien bemühen sich Menschen, Tieren in einer modrigen Umgebung das bestmögliche Leben zu ermöglichen; sie treiben das Vieh auf die Gipfel der Müllberge, damit es frischere Luft atmen kann, und kehren deren Pfade sauberer als die eigenen Terrassen. Während massive Eierfabriken unaufhörlich arbeiten, um die menschliche Nachfrage zu befriedigen, zersetzt mikroskopisches Plankton in den Ozeanen Plastik in tödliche Fragmente, nimmt diese auf und verhungert ohne Kalorienzufuhr – wodurch Giftstoffe in die marine Nahrungskette gelangen und „plastikfreie“ Fische zu seltenen, lebenden Juwelen werden.
Die Arbeit legt auch die brutale Ökonomie der modernen Tierwelt offen: die rapide schwindende weltweite Löwenpopulation, die zu bepreisten Zielen für Trophäenjäger wird, und den illegalen Handel, der das Schuppentier (Pangolin) an den Rand der Ausrottung treibt. Aquarien und Museen agieren an derselben Grenze – als kunstvolle Theater der Eingrenzung, die die Illusion von Nähe bieten und gleichzeitig die absolute Kontrolle behalten. Dieses historische Echo hallt in der Fotografie von Charles Darwins handgeschriebenem Tagebuch wider, das in Cambridge aufbewahrt wird. Es reflektiert über die Beziehung indigener Völker zu Tieren und verknüpft koloniale Wissenssysteme mit dem heutigen Drang, die Natur zu klassifizieren, zu dominieren und zu romantisieren. Dieses Archivfragment ist eine eindringliche Erinnerung daran, wie Wissen, Kolonialismus und Taxonomie seit langem bei der Definition des „Tierischen“ miteinander verwoben sind.
Nach Angaben des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (UNCBD) stehen wir vor einem Massenaussterben, bei dem täglich bis zu 150 Arten verschwinden. Während die Wissenschaft dies durch mathematische Projektionen berechnet, nähert sich meine fotografische Arbeit dem Thema durch eine persönliche Linse an. Angetrieben von einem tiefen Gefühl der Verbundenheit mit nicht-menschlicher Intelligenz, bilden diese Bilder ein visuelles Protokoll geteilter, aber umkämpfter Räume – Orte, an denen Tiere existieren, indem sie sich in hyper-konstruierte Bedingungen der Koexistenz fügen. Letztlich hinterfragt dieses Projekt nicht nur, wie wir auf Tiere blicken, sondern auch, was diese Sichtweisen über uns selbst verraten. In einer Zeit des ökologischen Kollapses stellen diese Bilder die Frage: Was bedeutet es, gemeinsam zu existieren?
Das Projekt entfaltet sich über drei konzeptionelle Stränge, Episteme, Dispositiv und Heilung (Repair), und strukturiert so die Untersuchung der Mensch-Tier-Beziehungen in einer losen Resonanz zum „Dritten Paradies“ (Terzo Paradiso) und dessen Symbol der dreifachen Unendlichkeit.
Episteme
Befasst sich mit den Wissenssystemen, durch die Tiere beobachtet, klassifiziert und verstanden werden – von der klassischen Taxonomie bis hin zu Museumsarchiven.
Dispositiv
Untersucht die Architekturen und Mechanismen der Kontrolle, Zoos, Labore, Infrastrukturen und Technologien, welche das tierische Leben formen und regulieren.
Heilung (Repair)
Wendet sich den Gesten der Fürsorge, der Erhaltung und der Koexistenz zu und erkennt dabei sowohl deren Notwendigkeit als auch deren Verstrickung in genau jene Systeme an, denen sie entgegenzuwirken versuchen.
